⚖️ Der Hochseerat


„Stolz, Salz – und ein fragiler Schwur.“

Er ist kein Kind der See, sondern des Reiches – geboren aus der Notwendigkeit, Ordnung zu stiften in einem Land aus Inseln, Nebel und Erinnerung. Seit der Eingliederung des Hochsee-Archipels ist der Hochseerat das Gremium, das spricht, wenn das Reich mit der Stimme der Inseln spricht – und doch bleibt seine Stimme oft die eines Fremden.

Er tagt in Ravaryn, unter wettergegerbtem Dach, in einer Halle aus dunklem Holz und hellem Protokoll. Seine Mitglieder: Händlerfürsten mit salzigen Ringen an den Händen, Vertreter alter Adelslinien, die nie ganz vergaßen, einst selbst Herren ihrer Küsten gewesen zu sein – und Gesandte des Kaisers, stets in dunklem Stoff und mit goldener Nadel. Und allen voran Lord Seydran Velmarn, Träger der Westflut, der seit Jahren als Vorsprecher des Rats wirkt.

Seydran, ein Mann mit wetterfestem Blick und der Stimme eines erfahreneren Kapitäns, gilt als Architekt des heutigen Gleichgewichts. Von manchen wird er als Brückenbauer gefeiert – von anderen als Verräter an den freien Inseln geschmäht.

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„Wer die Inseln halten will, muss mit Ebbe und Stolz zugleich verhandeln.“

Der Rat erhebt Zölle, vergibt Schifffahrtsrechte, schlichtet Streit zwischen Häusern und kontrolliert die Pflichtflotte – eine kleine, aber schlagkräftige Seemacht. Er sorgt für Handel, für Stabilität, für Verbindlichkeit in einer Region, deren Bewohner einst nichts als den eigenen Kurs kannten. Und doch ist er mehr als Verwaltung: Er ist Bollwerk gegen Aufruhr, Spiegel des Wandels – und Schachfigur im Spiel zwischen Reichstreue und Inselsinn.

Denn es gibt sie noch – die alten Stimmen. In Tarakus, in den Sümpfen, auf windgepeitschten Klippen. Sie nennen den Hochseerat eine Maske, ein Werkzeug kaiserlicher Unterwerfung. Für die Freien Gezeiten, ein loses Bündnis aus Abtrünnigen, Piraten und Nostalgikern, ist der Rat das bleiche Gesicht der Fremdherrschaft – höflich, aber unerbittlich.

Und dennoch: Ohne den Rat gäbe es keine einheitlichen Karten, keine garantierten Handelswege, keine Schlichtung bei Sturmverlust. Er ist Ordnung, wo Chaos gewohnt war. Viele misstrauen ihm – zu glatt, zu reichstreu, zu leise. Andere sehen in ihm das fragile Herz eines Experiments: Inseln, die nicht durch Blut oder Flamme verbunden sind, sondern durch Worte, Siegel – und den mühsamen Willen zur Gemeinsamkeit.

Er herrscht nicht.
Er verhandelt.
Und solange Wind über die See streicht, wird seine Stimme das sein, was zwischen Ebbe und Aufruhr noch standhält.