Vor etwa achtzig Jahren begann etwas, das kein Chronist recht benennen konnte – und kein Zeitalter je vergessen wird. Terranien wandelte sich – nicht durch Eroberung, nicht durch Revolution, sondern durch etwas, das niemand kommen sah. Die Gelehrten nennen es die Plage, doch der Name ist ein Schleier, nicht das Wesen. Denn was über das Land kam, war nicht Krankheit, nicht Fluch, nicht Zauber.
Es war ein Riss in der Wirklichkeit selbst.
„Denn was über uns kam, war keine Invasion – es war ein Fehler in der Welt.“
— Archivschrift Nr. 12a, Halle der ersten Chronisten, Landarion
Terranien war einst ein Reich der klaren Dinge. Pflanzen wuchsen in bekannten Formen, Tiere kannten ihre Fressfeinde, Menschen beteten an Götter, deren Namen sie verstanden. Es gab Gefahren, gewiss – Räuber, Hunger, Rivalen – doch sie gehörten zu einer Ordnung, die man begreifen konnte.
Mit der Plage zerbrach diese Ordnung. Die ersten Anzeichen waren rätselhaft: das plötzliche Verstummen ganzer Wälder, Dörfer ohne Türen, deren Bewohner niemand vermisste, geisterhafte Nebelbänke, in denen die Zeit stehen blieb.
Und dann kamen sie: die Kreaturen.
Sie bewegten sich wie Tiere, doch zu aufrecht. Ihre Augen waren zu klug, ihre Zähne zu zahlreich. Manche rissen Menschen mit bloßen Klauen in Stücke – nicht aus Hunger, sondern aus Freude am Zucken. Andere sprachen mit honigsüßer Stimme, luden in verfallene Häuser ein, trugen Schatten wie Umhänge und tranken nur bei Nacht.
Ein Wesen wurde gesehen, das seine Opfer zu bloßen Hüllen verbrannte – nur durch seinen Blick.
Ein anderes lebte in den Wurzeln eines Dorflindens, erschien bei Vollmond, verlor nie das Gesicht, das es zuletzt trug.
Und in den hohen Bergen erschien etwas, das mit Flügeln aus Glut durch den Nebel brach – eine Feuerbestie, deren Atem die Felsen schmolz und deren Knochen klangen wie Trommeln.
Und es gab Wesen ohne erkennbaren Ursprung – aus Fäulnis geformt, durch Äther verzehrt, durch Schmerz gestützt. Ihre Körper wirkten, als wären sie aus etwas herausgewachsen, das es nie hätte geben dürfen: Rippen, die nach außen wuchsen, Augen, die keine Sicht kannten, Münder, die nur rückwärts sprachen.
Monster – in einer Welt, die bis dahin keine Monster kannte.
Nichts davon war benennbar.
Nichts davon war erklärbar.
Terranien hatte keine Namen für das, was da kam – nur Schreie.
Die Erschütterung war so tief, dass sie nicht nur Körper, sondern auch Gewissheiten zerschlug.
Viele verloren den Verstand nicht durch das, was sie sahen – sondern durch das, was sie nicht mehr einordnen konnten.
Ein Kind, das nach dem Angriff eines Plagewesens nur noch in fremden Alphabetsmustern sprach.
Ein Kartograph, der beim Zeichnen eines verseuchten Tals von seiner eigenen Karte verschluckt wurde.
Eine Klerikerin, die inmitten des Gebets spürte, dass ihr Gott sich abgewendet hatte – nicht aus Zorn, sondern aus Furcht.
Die Frage, woher die Plage kam, blieb unbeantwortet. Doch sie rief Theorien hervor – jede dunkler, jedes ein Schnitt ins Tuch der Welt.
Manche erzählen von einem Zirkel schwarzer Magier, der in einem Anflug von Leichtsinn das Siebte Siegel einer vergessenen Sphäre brach – nicht aus Bosheit, sondern aus dem tödlichsten aller Beweggründe: Neugier.
Andere flüstern von verlorenen Göttern, die nicht sterben konnten, sondern nur verbannt wurden – eingekerkert hinter Schleiern aus Zeit, deren Risse nun wieder flimmern.
Und es gibt jene, die an die Sphärenkonjunktion glauben: einen Moment, in dem die Welt für einen Atemzug nicht ganz sie selbst war – in dem etwas Fremdes durch Terranien blickte… und Terranien zurücksah.
Ein einsamer Mythos aus dem Nordwesten spricht von der fĂĽnften Finsternis,
einem Zustand jenseits von Leben, Tod, Magie und Schlaf – der sich wieder einnistet, wenn das Denken zu laut wird.
Und dann ist da noch das Lied, das kein Barde singen will:
vom Kind aus dem Echo, das nie geboren wurde, und doch in jedem Albtraum wächst.
Was davon wahr ist, weiß niemand. Doch alles klingt wie ein Teil der Wahrheit – oder wie ein Echo davon.
Die Chroniken des Reiches erzählen von Fraktionen, von Gründungen, von Abwehr und Wiederaufbau.
Aber was sie selten berichten, sind die leisen Geschichten:
Die Mutter, die ihr Kind verlor – nicht an den Tod, sondern an eine neue Sprache.
Den Wirt, dessen Keller tiefer wurde, jedes Mal wenn er die Treppe hinabstieg – bis er eines Tages nicht mehr zurückkam.
Den Soldaten, der nie eine Kreatur sah – nur ihren Schatten auf seiner Haut, den er nie wieder abwaschen konnte.
Heute ist die Plage zurückgedrängt, ihr Name gefürchtet, aber fern.
Doch wer glaubt, sie sei besiegt, hat nicht gut hingehört.
Im Reich spricht man nicht gern davon.
Aber die Grenzwacht berichtet noch immer von Orten, an denen der Nebel zu atmen scheint.
Von Lichtern unter der Erde, die zu blinzeln scheinen.
Von Stimmen im Wind, die Namen flĂĽstern, die niemand kennt.
Und in entlegenen Dörfern erzählt man Märchen, die nie aufgeschrieben wurden:
Von der Zweiten Stunde, in der keine Schatten fallen.
Von den Rückklängen, Kindern mit gläsernen Blicken.
Von der Flüsterung, die manchmal aus alten Brunnen steigt – und wartet, dass jemand antwortet.
Manche sagen, die Plage war ein Fehler.
Andere nennen sie ein Urteil.
Doch alle wissen:
Sie war nicht das, was kam.
Sie ist das, was blieb.
Ruhe ist kein Ende.
Vergessen ist kein Sieg.